Die Graves Supercomplication von Patek Philippe

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Dieser Beitrag ist einer der faszinierendsten Uhren gewidmet, die mir bekannt sind. Und einige Zeit schon beschäftige ich mich mit eben dieser Uhr. Es ist heute sicher nicht mehr die komplizierteste Uhr, die es je gab, auch wenn Sie den Namen „Supercomplication“ trägt. Betrachtet man aber die Zeit, in der diese Uhr gänzlich ohne Computer oder moderne Technologien konstruiert und auch gebaut worden ist, so nötigt das einem doch erheblich Respekt ab. Und so ist die Patek Philippe Supercomplication, die einst für den New Yorker Bankier Henry Graves jr. gebaut worden ist, sicher die komplizierteste Uhr aller Zeiten, die ohne Computer und Co. entstanden ist.

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Henry Graves Jr. darf sicher als einer der ambitioniertesten Sammler von Patek Philipp Uhren gelten, die es je gab. Eine ganze Reihe von komplexen und komplizierten Uhren entstanden in seinem Auftrag, aber die Supercomplication stellt sicher einen ganz besonderen Höhepunkt im Sammlerleben des Henry Graves wie auch von Patek Philippe, die damals noch Patek, Philippe & Co. hießen, als Uhrenmanufaktur dar.

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Nahezu alle Uhr, die Henry Graves jr. bauen ließ trugen sein Familienwappen

Patek_Pocketwatch_Graves_back_LGDie Inschrift des Wappens der Familie Graves bedeutet übersetzt etwa „mehr sein als scheinen“.

Auch die wunderschöne Box der Supercomplication trägt sein Wappen

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Ein anderer leidenschaftlicher Sammler, der u.a. auch komplizierte Uhren von Patek Philippe sammelte, war James Ward Packard.

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Auch James W. Packard, der als Ingenieur vor allem durch seine Automobile bekannt wurde, ließ sein Wappen auf seine Uhren bringen.

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Graves und Packard lieferten sich so etwas wie einen Wettstreit um die komplizierteste Uhr. 1927 bekam Packard eine hoch komplizierte astronomische Taschenuhr von Patek Philippe.

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Die Historie der Graves Supercomplication

Henry Graves bestellte seine Supercomplication im Jahr 1925. Doch Patek Philippe brauchte bis Ende 1932, um diese Uhr mit 24 Komplikationen fertig zu stellen. Geliefert wurde die Uhr dann im Januar 1933. 15.000 US$ oder 60.000 CHF, damals eine ungeheuer hohe Summe, durfte diese Uhr kosten. Henry Graves gab damit Patek Philippe die Möglichkeit, die Grenzen des Machbaren in der damaligen Uhrentechnik erneut zu verschieben. Finanzstarke Sammler wie Graves und Packard haben also einen entscheidenden Anteil an der Meisterschaft, welche Patek Philippe im Laufe der Jahre und Jahrzehnte entwickelt hat.

Wer sich für den Wettkampf der beiden Sammler interessiert, dem sei ein Buch empfohlen:

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Beste Lektüre von Stacey Perman und eine Bereicherung für jede (Uhren-)Bibliothek!

James W. Packard gebührt sicher mindestens ein eigener Artikel. Daher konzentriere ich mich an dieser Stelle auf Henry Graves und seine Supercomplication.

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Von 1925 bis 1928 forschte und konstruierte Patek Philippe dieses wunderbare Stück Uhren-Technik.

Henry Graves hat in dieser Zeit auch mehrere Entwürfe der Uhr bekommen und geprüft

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1928 dann begann zeitgleich die Arbeit an Gehäuse und Uhrwerk. 1929 werden die Zifferblätter bei dem Zifferblattlieferanten von Patek Philippe, Stern Frerés S.A., bestellt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Gebrüder Charles und Jean Stern dann in 1929 Patek Philippe als Inhaber übernahmen, exakt in der Zeit also, als die Graves Supercomplication entstand. Die Anfertigung des Hauptzifferblattes dauerte bis 1930. Das rückwärtige Sternenzeit-Zifferblatt brauchte sogar bis 1932, bis es fertig gestellt war. Im Sommer 1932 wurde die Uhr dann insgesamt fertig gestellt und ausgiebig getestet. Der Versand nach New York erfolgte dann im Dezember 1932. Henry Graves jr. nahm die Uhr im Januar 1933, genauer am 19. Januar, in New York in Empfang.

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Bevor ich zu den Details dieser faszinierenden Uhr komme noch etwas zur weiteren Geschichte der Uhr.

Henry Graves erfreute sich bis zu seinem Tode am 21. März 1953 an seiner Uhr. 1940 tauchte diese Uhr erstmals in der Presse, damals im Life-Magazine, auf. Weitere Berichte Folgen.

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Seine Tochter, Gwendolen Graves-Fullerton, erbte die Uhr von ihrem Vater. 1960 dann gab Gwendolen die Uhr an ihren Sohn Reginald H. Fullerton jr. weiter. Im selben Jahr dann setzte sich Patek Philippe mit Reginald in Verbindung. Im Dezember 1960 versicherte Patek Philippe diese Taschenuhr mit 100.000 CHF.  Immerhin war es damals schon ein Stück Geschichte des Hauses Patek Philippe. Henri Stern höchstpersönlich unterzeichnete die Versicherungspolice. 1969 dann kontaktierte der amerikanische Industrielle Seth G. Atwood über Patek Philippe Reginald H. Fullerton und kaufte ihm die Uhr für 200.000 US$.

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Im März 1969 kehrt die Graves Supercomplication vorrübergehend nach Genf zu Patek Philippe zurück. Die Uhr erfährt einen Service und eine technische Dokumentation der Uhr wird erstellt. Patek Philippe übergibt im selben Jahr eine Fotokopie der Unterlagen, in denen Jean Piguet seinerzeit die Sonnenauf- und untergangszeiten für New York City berechnet hatte.  Jean Piguet konstruierte einen Teile des Mechanismus. 1970 eröffnete Seth G. Atwood sein Uhrenmuseum in Rockford, Illinois, in dem die Graves Supercomplication eine der Hauptattraktionen ist. 1980 kehrt die Uhr dann kurz nach Genf zurück. Alan Banbery, der damalige Kurator von Patek Philippe, holt die Uhr für ein Buchprojekt zurück ins Stammhaus. Im Jahr 1983 dann erscheint das Buch „Patek Philippe“ von Alan Banbery und Martin Huber, in dem diese Taschenuhr eine Hauptrolle spielt. Im Jahr 1999 schließt das Uhrenmuseum von Seth G. Atwood und die Supercomplication wird ein erstes Mal bei Sotheby´s versteigert. Für ca. 11.000.000 US$, einem neuen Weltrekord, wird sie versteigert. Der Käufer ist Scheich Saud bin Mohammed Al-Thani aus Katar.

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Er leiht dem 2001 eröffneten Patek Philippe Museum die Uhr über einige Jahre bis 2005. Sie ist das teuerste Einzelexponat im Museum.  Im Jahr 2014 wurde die Graves Supercomplication im November 2014 erneut bei Sotheby´s versteigert. Tragischerweise starb der Scheich wenige Tage vor der Auktion im Alter von 49 Jahren. Und wieder wurde diese Uhr für eine Rekordsumme versteigert: 21.300.000 US$ (oder 17.100.000 Euro) brachte diese Uhr als Erlös.

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Mit Blick auf die bewegte, bestens dokumentierte Geschichte der Uhr bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht im Safe eines Sammlers verschwindet, sondern der Öffentlichkeit in einem Museum zugänglich gemacht wird. Denn: auch diese Patek Philippe gehört dem Besitzer nie ganz alleine…!

Ein Teil der Dokumente, die zur Graves Supercomplication gehören:

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Doch nun zur nicht minder interessanten Technik und den Funktionen der Graves Supercomplication

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Das Uhrwerk der Graves Supercomplication setzt sich aus 1580 Einzelteilen zusammen. Man bedenke, dass alle Teile ohne Computerhilfe konstruiert worden sind und jedes einzelne Teil ohne comutergestützte Maschinen entstanden ist. Die Uhr ist reine Handarbeit.

In diesem Wunderwerk vereinen sich nicht weniger als 24 Komplikationen. Bis 1989, dem 150. Jubiläum von Patek Philippe und dem Jahr, in dem die Taschenuhr Caliber 89 entstanden ist, war die Supercomplication tatsächlich die komplizierteste Uhr der Welt.

Hier die Caliber 89, die 33 Komplikationen zeigt

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Das Caliber 89 setzt sich aus 1728 Einzelteilen zusammen.

Und der Vollständigkeit halber, schließlich geht es hier um hochkomplizierte Taschenuhren von Patek Philippe, sei noch die Taschenuhr Star Caliber 2000 erwähnt, die zum Jahrtausendwechsel erschienen ist und über 21 Komplikationen verfügt. Das Uhrwerk dieser Uhr besteht aus 1118 Einzelteilen.

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Doch zurück zur 68 Jahre älteren Graves Supercomplication. Den beiden anderen hochkomplexen Uhren widme ich eigene Artikel.

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Ich beginne mit den 24 Komplikationen im Überblick:

-die normale Zeitanzeige mit Stunden, Minuten und Sekunden

-die Sternenzeit oder Siderische Zeit mit Stunden, Minuten und Sekunden (ein Sternentag ist ca. 4 Minuten kürzer als ein Sonnentag; er beginnt, wenn die Frühlingspunkt (Schnittpunkt des Himmelsäquators mit der Ekliptik) den Meridian des Beobachtungspunktes schneidet und er endet  eben dort bei dessen nächster Passage)

-die Sonneaufgangs- und Sonnenuntergangszeit für New York City

Equation (auch Zeitgleichung genannt; ist der Zeitunterschied zwischen wahrer Sonnenzeit und mittlerer Sonnenzeit; Ursache für diesen Zeitunterschied ist die schwankende Geschwindigkeit der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne; der Zeitunterschied schwankt zwischen +16  und -14 Minuten)

Ewiger Kalender mit Datum, Wochentag und dem Monat sowie den Mondphasen und dem Sternenhimmel über New York City

Chronograph mit Schleppzeiger für die Stoppsekunde und Anzeige der gestoppten Sekunden, Minuten und Stunden

Grande Sonnerie

Petite Sonnerie

Minutenrepetition

Wecker

Gangreserveanzeige für das Uhrwerk

Gangreserveanzeige für das Schlagwerk

Das Uhrwerk unterteilt sich in vier Ebenen:

-unter dem Sternzeit-Zifferblatt, zu sehen ist der Chronographen-Mechanismus und der Mechanismus der Sternzeit-Anzeige

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– nächste Ebene unter der oben gezeigten Ebene, zu sehen ist der Mechnaismus der Sternenscheibe und ein Teil des Mechanismus der Sternenzeit-Anzeige940GE1404_XXXXX_COMP_ecat.jpg.thumb.500.500-unter dem Hauptzifferblatt, zu sehen ist der Mechanismus des Ewigen Kalenders und der Mondphasen-Anzeige

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-unter der zuletzt gezeigten Ebene unter dem Hauptzifferblatt, auch hier ist ein Teil des Ewigen Kalenders zu erkennen

830GE1404_67QYN_COMP_ecat.jpg.thumb.500.500Hier ein Blick auf die Sternenkarte, die exakt dem Anblick entspricht, den Henry Graves jr. beim Blick aus seinem New Yorker Appartement hatte.

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Die Vielzahl an Einzelteilen des Werkes, die diese nicht minder eindrucksvollen Anzeigen und Funktionen generieren, macht einen Uhrensammler wirklich demütig. Und ich betone nochmal, dass alle diese Technik ohne Computerhilfe konstruiert und gefertigt worden sind. Ein wahres Meisterwerk!

Insgesamt ist also die aktuell teuerste Uhr der Welt nicht nur auf Grund ihres neuerlich errungenen Rekordpreises höchst beeindruckend. Vielmehr ist es die Summe aller Teile, das Können der Marke Patek Philippe und das Stück Zeitgeschichte, welche diese Uhr darstellt.

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